„Sprich mich frei von Schuld die mir nicht bewusst ist“

(Psalm 19, 13)

Mit 4 Fünfer und 2 Vierer in meinem Jahreszeugnis bin ich nun am Ende. Es tut weh, noch einen Blick auf mein Zeugnis zu werfen. Es fällt mir auch schwer meinen Eltern diese schlechte Nachricht zu zeigen. Ich weiß, dass sie sich selbst die Schuld dafür geben werden, weil sie einmal in der Vergangenheit eine falsche Entscheidung getroffen hatten. Das Beste was ich dieses Jahr erreichen könnte war eine Drei und dies nur in einem Nebenfach. Doch in Turnen hatte ich eine Eins bekommen.

Ich erzähle euch, warum mein Zeugnis im 6. Gymnasium so aussieht.  Die Gründe liegen tief in der Vergangenheit nämlich in meinem Kindergartenalter. Ich bin Zhu aus China. Ich lebte mit meinen Eltern  in einer kleinen Stadt und ging dort in den Kindergarten. In China war und ist Turnen eine sehr traditionelle und beliebte Sportart, besonders das Kunstturnen. Deshalb sind Turnlehrer immer auf der Suche nach Kleinkindern, die sie hart trainieren und sie perfekt von klein auf ausbilden, um bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille zu gewinnen. Auch zu uns kam damals ein Trainer in den Kindergarten, als ich gerade vier Jahre alt war und testete unsere Körper, ob sie für eine solche Sportart geeignet sind.  Der Trainer testete auch mich und fand meinen Körper passend für das Kunstturnen. Und ich wurde ausgewählt um in ein Sportinternat weit weg in Peking ausgebildet zu werden. Ich war damals erst vier Jahre alt und verstand nicht, was eine solche Entscheidung für mein weiteres Leben bedeuten würde. Als meine Eltern davon erfuhren, waren sie überglücklich und sehr stolz. Sie meinten: „So eine Chance bekommt nicht jeder.“  Und sie erklärten mir, dass ein Sieg Reichtum, Ehre, Anerkennung und einen sozialen Aufstieg für die ganze Familie bedeuten würde. Doch trotz ihrer Freude hatten sie ihre Bedenken, da das Sportinternat sehr weit entfernt war und sie mich sehr selten sehen würden. Noch dazu würde ich sehr viel von meiner Schulbildung versäumen.

Nach langen Überlegungen entschieden sie sich trotzdem für das Internat. Mit dieser Entscheidung änderte sich mein gesamter Alltag. Ich kam nach Peking aufs Sportinternat, in dem ich bis zu meinem 16. Lebensjahr leben sollte,  doch die Trennung von meinen Eltern fiel mir aufgrund meines jungen Alters sehr schwer, denn ab jetzt würde ich sie nur ein paar Tage jedes  halbe Jahr sehen. Das Internat war darauf spezialisiert Kleinkinder hart zu trainieren.  Das Training war anstrengend und schon vom ersten Tag an war Leistung gefragt und viele Sportstunden standen am Stundenplan. Schulunterricht wurde nur begrenzt abgehalten, Sport war im Mittelpunkt.  Was alles noch erschwerte, war unsere strengere Trainerin, die Aufgeben oder Schwäche zeigen nicht duldete. Es brachte auch nichts zu weinen, sogar dafür wurden wir bestraft. Sie trainierte uns mit dem Ziel, überhaupt keine Fehler zu machen und  das Gold zu gewinnen. 

Unser Tag fing um 6:30 Uhr an und endete um 18:30 Uhr, von den vielen Stunden hatten wir vier Schulstunden und der Rest war hartes Training. Die Methoden unserer Sportlehrerin waren hart und manchmal auch brutal. Sie duldete keine Schwächen. Zu sagen: „Ich kann nicht mehr“ war inakzeptabel. Am Ende des Tages hatte ich keine Kraft und die nötige Konzentration dazu, Hausaufgaben zu machen.

Sie erzog uns mit dem Ziel keine Fehler bei einer Übung zu machen. Wenn uns Fehler unterliefen, schrie sie uns an und wir mussten die Übung so lange wiederholen bis sie fehlerlos war. Ihr Motto war „ Keine Fehler“, was uns natürlich unmöglich war, doch wir es hart versuchten.

Die anstrengenden Übungen forderten viel Kraft, Ausdauer und innere Stärke. Ein häufiges Training zum Aufwärmen war die Aufgabe, einen Handstand zu machen und dabei von 100 langsam hinunterzuzählen. Zu unserem Alltag gehörten natürlich auch Verletzungen, wie Gelenkschäden aufgrund der Überbelastung der Sehnen und Blasen an den Händen. Auch wenn wir keine Verletzungen hatten, erlitten wir alle Schmerzen. 

Was ich später im Laufe der Jahre herausfand, war das Fehlerlos im Turnen alleine nicht ausreichte, denn was auch ein wichtiger Faktor war, war die volle Konzentration beim Training, also keine Ablenkungen in den Gedanken. Ich machte immer sowohl beim Turnen als auch beim Konzentrieren Fehler und immer wieder sagte ich zu  mir: „Wie kann ich nur ohne Fehler sein“. So sehr wir uns auch bemühten, wir alle machten Fehler, nur die einen mehr, die anderen weniger.

Mit 16 Jahren war meine Ausbildung abgeschlossen. Wir waren alle bereit, um bei den Olympischen Spielen anzutreten und hoffentlich auch Gold zu gewinnen. Das Internat wählte von allen Kindern die fünf besten aus, die bei den Olympischen Spielen teilnehmen durften. Ich war sehr glücklich, als ich auch ausgewählt wurde. Doch bei der Olympiade war es, wie ich es erwartet hatte, nicht einfach, denn die chinesische Juri war sehr streng und hatte ihre Augen auf alles. Ich gab mein Bestes und versuchte alles ohne Fehler zu machen.  Naher wartete ich fieberhaft auf die Bewertung, doch ich wurde enttäuscht. Denn meine Leistungen reichten nicht einmal aus, um den 3. Platz zu erreichen. Ich erreichte den 4. Platz mit einem Ergebnis von 96,5%. Dieses Ergebnis bestürzte mich sehr, da ich sehr viel dafür geopfert hatte: eine gute Schulausbildung, meine Eltern, meine Gesundheit und vor allem meine Zeit. Der 1. Platz erreichte 97,9% gefolgt vom 2.Platz mit 97,5% und dem 3.Platz mit 96,8%.

Wie kann man etwas fehlerfrei ausüben? Es fällt keinem leicht. Sowohl mein Ergebnis bei der Olympiade als auch das Zeugnis in meiner Hand, sagt aus, dass fehlerfrei zu sein, für uns Menschen unmöglich ist.

Das harte Trainieren hatte meinen Körper mehr geschadet, als ich erwartet hätte, denn meine Sehnen waren überbelastet und mein Arzt sagte mir voraus, dass aufgrund der starken Schädigung meiner Gelenke ich mit ungefähr 50 Jahren Kunstgelenke, vor allem in meinem Knie, benötigen werde. 

 

v Nur im Himmelreich ist das Leben mit unserem geliebten Herrn Jesus Christus ohne Fehler. Für uns momentan ist dieses fehlerlose Leben schwer vorzustellen.

v Unser geliebter Jesus Christus ist der Einzige, der keine Fehler macht und auch keine akzeptiert. Deshalb bietet er uns sehr geduldig an, durch seine Kreuzigung unsere sowohl absichtlichen als auch unabsichtlichen Fehler zu vergeben.

v Auch für unabsichtliche Fehler hat Gott durch Moses verlangt, für sie Opfer darzubringen.

v Wir sind ganz sicher, dass unser Leben mit unserem geliebten Jesus Christus ohne irgendeinen Fehler, wunderschön und neu für uns sein wird.

Maria und Katharina 23.07.2012 - www.kopten.at