Eine Predigt von S.H. Papst Shenouda III

Wie beginne ich ein spirituelles Leben?

 

Das christliche Leben ist ein Leben der Rechtschaffenheit, ein Leben der Heiligkeit, ein Leben der Vollkommenheit und ein Leben, das mit der göttlichen Liebe verbunden ist. Jedoch kann niemand mit diesem Maß beginnen; sogar die großen Heiligen haben nicht so begonnen. Sie haben nämlich (den guten Kampf im Glauben) gekämpft und gekämpft und gekämpft, bis sie dorthin ankamen und zu ihrem spirituellen Rang gelangten.

Wie können wir nun das christliche Leben beginnen? Es könnte mit dem Kennenlernen von Gott und der Reue beginnen. Aber wie starten wir mit der Reue? Ein Mensch könnte nämlich versuchen, Reue abzulegen, findet aber sowohl innere als auch äußere Hindernisse, wie etwa Versuchungen vom Teufel. Wie kann ein Mensch das alles bewältigen? Er besiegt diese Hindernisse indem er/sie damit anfängt, sich zu zwingen. Wisst ihr, was hier mit „sich zwingen“ gemeint ist? Es bedeutet, dass der Mensch sich dazu zwingt, auf dem guten Weg zu gehen und sich vom schlechten Weg abzuwenden. Du musst dich also ganz einfach dazu zwingen. Sag mir nicht, deine Feinde sind die Dämonen oder die bösen Menschen oder deine schlechte Umgebung. Nein, dein stärkster Feind bist du selbst. Wenn du von Innen stark bist, wird dich nichts von außen beeinflussen können. Wenn du aber schwach bist, wird die kleinste Versuchung dich zu Fall bringen. Das Wichtigste ist, dass du dich zwingst. Um ein spirituelles Leben anzufangen, muss sich der Mensch also selber zwingen, sich dem spirituellen Weg unterwerfen, seinem Selbst widersprechen und nicht einfach alles tun, was er/sie gerade will. Oder zumindest sich darauf trainieren. Vielleicht ist das Wort „zwingen“ hier ein bisschen hart ausgedrückt. Wir können auch sagen, dass du deine Seele auf das Leben der Rechtschaffenheit trainieren und sie auf diesem Weg führen sollst.

Was sind denn nun diese inneren Hindernisse, die den Menschen daran hindern, ein spirituelles Leben zu führen? Diese inneren Hindernisse fasste der Hl. Johannes der Geliebte in seinem ersten Brief folgendermaßen zusammen: „die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz“ (1.Joh 2:16). Was bedeutet das nun für uns? Was also dem Menschen schadet, sind Begierden, wie etwa die Begierde der körperlichen Lust, die materielle Begierde und der Wunsch nach dem Genießen von schlechten Begierden. Ebenso die Begierde des lustvollen, grenzenlosen Denkens und sich darin gehen zu lassen; also wenn jemand in Gedanken vertieft ist und sich Sachen vorstellt und sich mit diesen schlechten Gedanken vergnügt. Wenn er/sie dann wieder zu sich kommt bemerkt er/sie, dass er/sie während des Denkens und der Fantasien in mehrere Sünden gefallen ist. Wegen all dieser Begierden und Fallen ist es notwendig, sich selbst zu zwingen. Zwinge dich und vermeide diese Versuchungen mit aller Kraft und sage zu dir selbst: „Nein, tue das lieber nicht!“

Somit ist das „sich zwingen“ Konzept der Beginn des spirituellen Lebens. Es ist sozusagen die erste Stufe der spirituellen Treppe, bis der Mensch im Laufe der Zeit zu dem spirituellen Rang (der Heiligkeit) gelangt. Es liegt an dir, dich zu zwingen, bis dir die Gnade Gottes auf dem Weg begegnet und dir die nötige Kraft gibt, von der Sünde fern zu bleiben.

Aber bevor du dich zwingst, gibt es etwas Wichtigeres, nämlich, dass du ein persönliches Verlangen zum spirituellen Leben verspürst. Wenn du diesen Wunsch in dir hast, beginnst du allmählich dich zu zwingen. Deshalb sagte einer der Heiligen einst: „Die Tugend will nur, dass du sie willst.“ Sobald du sie willst, musst du dich nur mehr selbst zwingen und empfängst dadurch die Gnade von Gott. Du sollst dich in allem zwingen. Zwinge dich zum Gebet - dass du betest und dass du auch im Gebet verweilst. Zwinge dich zur Ehrfurcht im Gebet. Stehe aufrichtig, mit großer Ehrfurcht, im Gebet, ohne dass du mit den Beinen wackelst oder deine Arme viel bewegst oder deine Sinne zerstreut sind. Du stehst in Ehrfurcht und Demut vor Gott. Zwinge dich zur Ehrfurcht im Gebet und zum Ausharren im Gebet. Zwinge dich besonders zum Gebet in der Nacht. Es kann sein, dass du müde nach Hause kommst und dir denkst: „Ich bin erschöpft, ich kann nichts mehr tun. Ich schaffe es nicht zu beten. Gott, ich schlafe nur diese eine Nacht und morgen werde ich mit dir reden. Sei aber bitte nicht traurig.“ Was ist das? Der Hl. Isaak der Syrer sagt: „Zwinge dich zum Gebet der Nacht und füge ihm noch Psalmen hinzu.“ Jedes Mal, wenn du dich (für Gott) zu etwas zwingst, wirst du sehen, dass alles gut laufen wird. Ich erinnere mich an mein erstes Jahr als Mönch im Kloster. Jedes Mal, wenn mir etwas gesagt bzw. befohlen wurde, habe ich mit „Ja“ geantwortet. Und jedes Mal, wenn mir eine Aufgabe gegeben wurde, sagte ich „OK“. Eines Tages war ich sehr, sehr erschöpft und müde und ging in meine Mönchszelle. Ich konnte nicht mehr vor Erschöpfung und dachte mir: „Verschieben wir das Beten auf morgen.“ Doch dann dachte ich mir: „Ok, ich sage nur ein kurzes Gebet und das war’s dann. Ich bete nur das Gebet des Herrn (Vater unser) und dann gehe ich schlafen.“ Also betete ich das „Vater unser“ und sagte zu mir selbst: Na gut, ich sage noch einen Psalm und dann gehe ich schlafen. „Wohlan, nun preiset den Herrn, all ihr Knechte des Herrn, die ihr steht im Haus des Herrn, zu nächtlicher Stunde. Erhebt eure Hände zum Heiligtum und preist den Herrn!“ (Ps 134:1-2). Ich wurde dadurch ein bisschen wacher. Daraufhin dachte ich mir: „Ok, ich bete noch die Abschnitte des 12.Stunde Gebetes: „Siehe, ich werde vor dem gerechten Richter stehen, voller Furcht und Zittern wegen meiner vielen Sünden“. Ich bemerkte, wie mich dieses Gebet noch munterer machte. Und so ging das noch eine Weile. Ich überredete mich immer wieder, die Gebete zu vollenden. Wenn du also müde bist und schlafen gehen willst und dann sagst: „Gott sei Dank, Er hat seinen Geliebten Schlaf gegeben“ (Ps 127:2), ist nicht logisch.

Zwinge dich auch dazu, deinen Mitmenschen zu vergeben. Zwinge dich dazu, nicht Rache auszuüben oder eine Beleidigung mit einer anderen zu vergelten. Zwinge dich dazu, allen Menschen Respekt zu zeigen; sowohl den Verwandten als auch den Fremden. Wenn du alle Menschen respektierst, wirst du merken, dass nur schöne Wörter aus deinem Mund kommen und dass deine Redensart sanft und liebevoll ist. Mit den Tugenden ist es nämlich wie mit einer Kette. Wenn du die erste Perle greifst, kommen alle anderen hinterher. Zwinge dich dazu, deine Sinne unter Kontrolle zu haben. Das bedeutet, du sollst vorsichtig sein mit deinen Blicken, achtsam beim Reden, achtsam bei deinen Berührungen, achtsam in allem. Das ist die Kontrolle der Sinne. Zwinge dich ebenso zur Kontrolle deiner Gedanken. Jeder schlechte Gedanke, der dir in den Sinn kommt, musst du sofort ablehnen. Zögere ihn nicht hinaus, um zu schauen was dabei rauskommt. Nein, du weißt was am Ende rauskommt. Zwinge dich dazu, die Versuchungen der Zunge zu bekämpfen. Wenn du gewohnt bist, bestimmte Wörter zu benutzen, musst du damit aufhören. Damals im Kloster gab es einen Arbeiter, der eine Kutsche an einem Esel oder einem Pferd gebunden hatte. Immer wieder schimpfte er mit dem Esel oder dem Pferd. Wozu denn, mein lieber Sohn? Anstatt dass du solche schlechten Ausdrücke verwendest, sag ihm doch ein schönes Wort. Ja, selbst den Tieren! Zwinge dich dazu, deine Zunge zu kontrollieren, dann wirst du sehen, wie sich deine Redensart verbessert. Zwinge dich, beobachte dich, sei vorsichtig und bestrafe dich auch selbst, wenn es notwendig ist. Das Zwingen ist sozusagen der Sieg über dein Selbst und führt zur Stärkung des Willens. Dieser Prozess verlangt auch eine gewisse Hartnäckigkeit. Halte dich streng von der Sünde fern. Schau dir an, was Gott dazu sagt: „Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus“ (Mk 9:47) und „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab“ (Mk 9:43). Diese beschreiben strenge Schutzmaßnahmen.

Was sind nun die Mittel, die wir einsetzen können, um uns selbst zu zwingen? Eine Möglichkeit wären die spirituellen Übungen; dass du dich spirituell trainierst und jedes Mal, wenn du Schwächen entdeckst, sie behandelst. Der Hl. Apostel Paulus sagte einst: „ich bin mit allem und jedem vertraut, sowohl satt zu sein als auch zu hungern“ (Phil 4:12). In allem hat er sich trainiert. Dieses Zwingen bringen wir auch in die Erziehung der Kinder ein. Das Abstillen ist das Erste beim Kind, das mit dem Zwingen in Verbindung zu setzen ist. Es will ständig an der Brust der Mutter hängen und sie nicht loslassen. So wird sie dazu gedrängt, das Kind zu zwingen und es vom Stillen abzuhalten. Ebenso wird das Kind beim Eintritt in die Schule praktisch gezwungen. Am ersten Tag, an dem das Kind in die Schule geht und sein geliebtes Zuhause verlässt, hat es Angst. Die neue Umgebung ist ihm fremd und es will sein heimisches Umfeld nicht verlassen. Deshalb müssen die Eltern ein wenig nachhelfen und es dazu zwingen. Dann geht es in die Schule und entdeckt Spiele und tolle Sachen, sodass es anfängt, die Schule zu mögen.

Zwinge dich selbst, bevor du von anderen gezwungen wirst. Zwinge dich selbst den richtigen Weg zu gehen, damit nicht jemand anderer dich erziehen muss oder dich ermahnt, nicht das Falsche zu tun. Trenne dich selbst vom Falschen. Der Hl. Makarios der Große sagte einst: „Lieber Bruder, richte dich selbst, bevor sie über dich richten.“ Zwinge dich, bevor dich das Gesetz und die Strafe zwingen. Verpflichte dich dazu, Gutes zu tun, bevor dich andere dazu bringen. Beginne damit, dich zu zwingen, unabhängig davon wie schwach die Ergebnisse sein mögen. Wenn du dich in der Nacht dazu zwingst zu beten, könntest du das Gefühl bekommen, dass deine Gebete durch die Müdigkeit schwach sind, deine Gedanken zerstreut und das Beten ohne Liebe und Kontemplation vorüber geht. Dann kommt der Satan und sagt dir: „Das nennst du ein Gebet? Du musst ein starkes Gebet darbringen, so geht das nicht! Dich zum Beten zu zwingen? Nein, hör auf mit diesem Beten. Wenn du lernst, richtig zu beten, dann erst kannst du beten.“ Er will dich dazu bringen nicht zu beten. Mit seiner betrügerischen Art und Weise sagt er dir diese ‚spirituellen‘ Wörter. Einer der Heiligen sagt: „Wenn du wartest bis du das reine Gebet (ein Beten voller Liebe, Tiefe, Demut und Ehrfurcht) erreicht hast, um zu beten, so wirst du niemals beten.“ Denn du wirst es so nie erreichen. Beginne stattdessen mit der ersten, schwachen Stufe und du wirst daraufhin dorthin gelangen. Jetzt könnte jemand fragen: Wird Gott etwa meine Gebete, die ohne Liebe sind, erhören? Ja, denn hättest du keine Liebe zum Beten, so würdest du auch nicht beten. Auch wenn das Gebet schwach ist, ist es in Ordnung. Der Herr nimmt deine schwache Tugend am Anfang an, bis sie sich schließlich zum Besseren entwickelt. Ein Beispiel zur Erläuterung: Wir akzeptieren auch das Stottern des Kindes, wenn es noch nicht sprechen kann. Wir freuen uns sogar darüber, denn dies ist erst der Anfang (des Sprechens). Wir akzeptieren ebenso die Phase des Krabbelns, wenn es versucht aufzustehen, hinfällt, aber es wieder versucht. Darüber sagen wir, dass es ein guter Anfang  ist (für das Gehen). Wir freuen uns über den Anfang, auch wenn er noch so klein ist - er wird sich nämlich weiterentwickeln. Das Spenden ist auch ein Beispiel dafür. Es wird gesagt, dass wenn wir großzügig und voll Freude geben, ist dies das vollkommene Geben. Am Anfang aber zwingst du dich zu spenden. Es kann sein, dass du gibst, obwohl du keine Lust hast. Das ist jedoch ok. Was können die Armen dafür, dass sie nichts bekommen, nur weil du keine Lust hast? Gib ihm, selbst wenn du keine Lust dazu hast! Es wird die Zeit kommen, in der du Freude am Geben verspürst. Wenn sich der Arme freut und du einen glücklichen Menschen vor dir siehst, wird sich dein Herz erfreuen und du wirst mehr geben. Sowie jemand einmal sagte: „Ich goss einen Baum mit einem Glas Wasser.  Er hat mir kein Wort des Dankes ausgesprochen. Aber er erholte sich, da erholte ich mich.“ Fazit: Du wirst Freude haben, wenn du gibst. Anfangs, wenn du das Zehntel deines Gehaltes zahlst, kann es sein, dass du es verärgert hergibst. Dann sagst du vielleicht: „Das Zehntel war zu Zeiten des Wohlstandes angebracht. Aber wir sind in einer Zeit der Armut und der erhöhten Preise etc.“ Zwinge dich das Zehntel herzugeben und Gott wird dich segnen und dir geben. Dann fängst du auch an, die Erstlingsfrucht von allem was du tust zu geben und Gott wird dich segnen und dir geben. Du wirst ohne Einwand jedem, der dich bittet, geben und zu jeder Zeit. Denn dieses sich selbst zwingen ist lediglich zu Beginn; es hält nicht für immer an.

Zwinge dich in deinen Gedanken und führe nicht jede Idee aus, die dir in den Sinn kommt. Aber wenn ein Gedanke so hartnäckig an deinem Verstand hängt, dann sage zu diesem Gedanken: „Ok, aber verschieben wir es.“ Und du verschiebst es solange, bis dir die Gnade begegnet und alles in Ordnung bringt. Während dieser Auseinandersetzung mit dir selbst, vermeide die Faulheit, die Gleichgültigkeit, die Gelassenheit und die Untätigkeit. Vermeide auch die Ausreden, die Entschuldigungen und die Notwendigkeiten. So wie jemand sagen könnte: „Die Notwendigkeit bringt mich dazu, das zu machen; ich kann einfach nicht anders.“ Der Weg zur Hölle ist ausgelegt mit Entschuldigungen und Ausreden. Es liegt an dir, dich selbst zu zwingen. Dieser Prozess ist auch nur zu Beginn und wird nicht lange andauern. Jesus Christus sagt: „Geht ein durch die enge Pforte! Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der ins Verderben führt; und viele sind es, die da hineingehen. Denn die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt“ (Mt 7:13-14). Die enge Pforte ist nur am Anfang eng. Aber je mehr du in diese Pforte gehst, desto breiter wird der Weg für dich sein, sodass du sie nicht mehr als eng empfinden wirst.

Gott sei mit euch allen.      

 

hh