Das große Geheimnis der Menschwerdung Gottes

von Abuna Dawoud Lamey  

 

In dieser Einheit beschäftigen wir uns mit zwei Aspekten der Menschwerdung: Einerseits mit den verschiedenen Begriffen, welche die Heilige Schrift für die Menschwerdung verwendet und andererseits mit den Gründen der Menschwerdung. Die Menschwerdung gehört zum essentiellen Kern unseres christlichen Glaubens. Die Menschwerdung Christi bedeutet, dass Gott - das Logos - der Sohn (die Hypostase des Sohnes in der Heiligen Dreifaltigkeit) eine menschliche Natur angenommen hat. Die Bibel verwendet mehrere Begriffe für die Menschwerdung Christi, wobei jedes dieser Begriffe eine andere Perspektive zur Menschwerdung beschreibt. Die Menschwerdung ist ein großes Geheimnis, welches die menschliche Vorstellungskraft übersteigt. Es ist unvorstellbar für uns Menschen, wie es möglich sein konnte, dass Gott zu einem Menschen geworden ist. Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass Gott während der Menschwerdung nicht aufgehört hat Gott zu sein - das hat sich dadurch nicht verändert und das kann sich auch nie ändern!  „Das Wort hat Fleisch angenommen“ bedeutet also nicht, dass Er nicht mehr Gott ist, sondern: Er ist immer noch Gott - allmächtig und vollkommen - und wurde zusätzlich zum Menschen. Und so wurde Gottheit und Menschheit in einer Person und in einer Natur vereint. Alle Eigenschaften von Gott und alle Eigenschaften vom Menschen (außer der Sünde!) wurden in Jesus Christus vereint.

 

Zusätzlich zuEr wurde geboren, nämlich von der Hl. Jungfrau Maria und durch den Heiligen Geist, hat die Bibel noch folgende Ausdrücke für die Menschwerdung verwendet:

 

  1. Er ist gekommen: Anstelle von „geboren“, verwendet die Bibel oft das Wort „gekommen“. Selbst im Alten Testament hatte der Messias (Jesus Christus) den Titel „Er, der kommt“. Deswegen haben auch die Leute Johannes den Täufer gefragt: „Bist du der, der kommt?“. Diese Bezeichnung war also bei allen Juden bekannt und steht für den erwarteten Messias. Mit dem bekannten Vers „Gesegnet sei Er, der kommt im Namen des Herrn!“, ist auch Jesus Christus gemeint. Warum verwendet die Bibel das Wort  „gekommen“ oder „Er, der kommt“? Weil „gekommen“ anders ist als „geboren“; es fügt etwas hinzu. Es gibt uns eine schöne Erläuterung für die Menschwerdung, und zwar, dass Jesus bereits da war und kam. Natürlich wurde Jesus tatsächlich von der Hl. Jungfrau Maria geboren und somit ist der Begriff  „geboren“ vollkommen richtig. Aber viele Menschen könnten das Wort „geboren“ missverstehen, im Sinne von: Er ist wie jeder andere Mensch geboren und bei jedem Menschen ist die Geburt der Beginn seiner/ihrer Existenz. Im Fall von Jesus Christus ist es jedoch nicht der Beginn Seiner Existenz! Er existierte schon bevor Er von der Hl. Jungfrau Maria geboren wurde. So wie es im Glaubensbekenntnis steht: „geboren aus dem Vater vor aller Zeit: Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“. Der Ausdruck „Er kam“ deutet also auf Seine ewige Existenz und Seine Gottheit hin, die keinen Anfang hat. In den koptischen Hymnen singen wir auch: „Ge aki aksoti emon“, das bedeutet „Denn du bist gekommen und hast uns erlöst“. In diesem kurzen Satz wird also gesagt, wie und warum die Menschwerdung geschehen ist.
  2. Er ist erschienen: Die Menschwerdung ist die „Erscheinung Gottes im Fleisch“. Ebenso zeigt uns das Wort „erscheinen“, dass Gott zuvor unsichtbar war und für uns sichtbar wurde. Die ersten Kirchenväter (darunter Athanasius der Große, und Kyrillos I die Säule des Glaubens) drückten es so aus: Den Unsehbaren haben sie gesehen, den Unberührbaren haben sie berührt, der Körperlose nahm Fleisch an. Die Verwendung des Wortes „Erscheinung“ in der Bibel stellt das Wort „geboren“ jedoch nicht in den Ecke, denn wie bereits erwähnt, wurde Jesus wahrhaftig von der Hl. Jungfrau Maria geboren. Durch die Geburt erschien Er uns und unsere Augen konnten ihn sehen. So wie es Johannes beschrieb: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben,“ (1.Joh 1:1). Wir können auch zwischen den folgenden zwei Ausdrücken vergleichen: „Jesus ist durch Seine Menschwerdung erschienen“ und „Der Vater offenbarte (uns) Seinen Sohn durch die Menschwerdung“. Der Vater offenbarte Sich selbst durch die Menschwerdung seines eingeborenen Sohnes. Er sprach unmittelbar/direkt durch seinen Sohn Jesus Christus zu uns. „Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn,“ (Heb 1:1-2).

 

  1. Er hat gestrahlt/ uns erleuchtet: In der koptischen Tasbeha (arabisch für „Lobpreis“) sagen wir: „Er hat uns erleuchtet, durch seine Menschwerdung von der Heiligen Jungfrau Maria, ohne den Einfluss von Menschensamen, damit Er uns erlöst“. Der Begriff „erleuchtet“ deutet ebenfalls auf das gleiche hin: Er existierte bereits, aber wir konnten Ihn nicht sehen. Es ist ähnlich wie mit der Sonne: Wenn wir sie nicht sehen können, bedeutet das nicht, dass sie nicht existiert. Sie existiert sehr wohl, nur können wir sie nicht sehen. Erst wenn die Sonne bei Sonnenaufgang aufgeht und strahlt, können wir sie sehen, aber davor existierte sie schon. Also bestätigt uns die Bezeichnung „Er hat uns erleuchtet“ dieselbe Tatsache: Jesus Christus existiert durch seine Gottheit seit Ewigkeiten, aber durch Seine Menschwerdung hat Er uns erleuchtet. Der Prophet Maleachi schrieb auch: „Für euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, und ihre Flügel bringen Heilung.“ (Maleachi 3:20). Jesus kam mit seinem wunderbaren Licht, um uns zu erleuchten und zu heilen.

 

  1. Er ist herabgestiegen: Im Glaubensbekenntnis verkünden wir: „Für uns Menschen und um unseres Heiles Willen ist er vom Himmel herabgestiegen“. Dass Er vom Himmel herabgestiegen ist, bedeutet aber nicht, dass Er den Himmel verlassen hat. Denn Seine Gottheit erfüllt jeden Ort im Universum - Er umgibt Himmel und Erde gleichzeitig! Dieses Herabsteigen bedeutet vielmehr, dass Er sich unseretwegen durch die Menschwerdung „erniedrigt“ hat, wie es der Hl. Paulus beschrieb: „Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen, er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2:6-8). Und im Alten Testament hatte Jakob einen Traum: „Er sah eine Treppe, die auf der Erde stand und bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder. Und siehe, der Herr stand oben und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks.“ (Gen 28:12-13). Und der Herr sagte zu Jakob: „Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe.“ (Gen 28:15). Der Herr sagte zu ihm „Ich bin mit dir“ => Emmanuel (=Gott ist mit uns) wird also zu uns auf die Erde kommen. Aber wie bereits erwähnt, bedeutet sein Herabsteigen nicht, dass Er den Himmel verließ, denn Er erfüllt Himmel und Erde. Auch während des Gesprächs mit Nikodemus sagte Jesus zu ihm: „Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel, außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, dem Sohn des Menschen, der im Himmel ist.“ (Joh 3:13). Also ist Jesus auf die Erde herabgestiegen, ist aber gleichzeitig durch Seine Gottheit auch im Himmel.

 

  1. Er hat teilgenommen: Wir Menschen sind alle unterschiedlich. Wir unterscheiden uns durch unsere Hautfarbe, unsere Größe, unseres Geschlechts, etc. Aber eines haben wir alle gemeinsam: Wir sind alle aus Fleisch und Blut. Und daran hat Jesus durch seine Menschwerdung teilgenommen. Im Hebräer Brief steht geschrieben: „Da nun die Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise Fleisch und Blut angenommen, um durch seinen Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel, und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren.“ (Heb 2:14,15). Das ist eine weitere Bezeichnung für die Menschwerdung. Er hat an unserer menschlichen Natur teilgenommen/Anteil genommen. Aus diesen Versen ergeben sich zwei Probleme für uns Menschen: Der Tod, und der Teufel, der die Gewalt über den Tod hat. Jesus ist gekommen, um diesen Tod zu entmachten, deswegen beten wir auch im Gebet der neunten Stunde „vernichtet den Tod durch deinen Tod“, und auch um den Teufel zu entmachten.

 

  1. Er nahm: Er nahm Knechtsgestalt an. Der Hl. Athanasius der Große wiederholte immer wieder die schöne Bezeichnung für die Menschwerdung, die wir auch in der Tasbeha sagen: „Er nahm das Unsere und gab uns das Seine“.
  • Das Unsere: unser Fleisch und Blut. Er gab uns das Seine: Seinen Geist. Jesus nahm also unser Fleisch und Blut, wurde Mensch, und wir wurden im Gegenzug zum Tempel seines Heiligen Geistes.
  • Das Unsere: unsere Sünden nahm Er auf sich - Er, der ohne Sünde ist! Er gab uns das Seine: die Heiligkeit und die Rechtschaffenheit. Jesus Christus hat uns geheiligt und gerecht gemacht und hat die Sünde der Welt auf sich genommen.
  • Das Unsere: das Urteil des Todes. Er gab uns das Seine: das ewige Leben. Er ist der Heilige Gott, der nie mit dem Tod in Berührung kommt, aber Er wollte für uns sterben. Um für uns sterben zu können, musste Er ein Mensch werden.  Also gab Er uns das ewige Leben und nahm den Tod von uns hinweg. Mit seiner Gottheit aber besiegt Er den Tod und die Kraft der Auferstehung und das ewige Leben ist in Ihm.
  • Das Unsere: die Schande, die uns durch unsere Sünden zuteil wurde. Er nahm auf sich die Schande des Sterbens am Kreuze, die Spukereien, die Verhöhnung, die Beschimpfungen,...und gab uns das Seine: die Ehre und Verherrlichung. Denn wenn wir zusammen mit Ihm leiden, werden wir auch zusammen mit Ihm verherrlicht und geehrt werden - nicht weil wir es verdienen, sondern weil Er diesen barmherzigen Tausch gemacht hat: Er nahm die Schande auf sich und gab uns die Ehre im Gegenzug. Er nahm das Unsere und gab uns das Seine.

 

  1. Er trat ein: Bei diesem Ausdruck können wir uns vorstellen, dass jemand draußen an der Tür stand und eintrat. Wenn wir also sagen, dass Jesus in den Bauch der Hl. Jungfrau Maria eintrat, deutet es darauf hin, dass Er kein gewöhnlicher Mensch ist. Wir können beispielsweise nicht behaupten, dass wir in den Bauch unserer Mutter eingetreten sind, als würden wir schon davor existiert haben. Nein, wir sind geboren worden und das war der Anfang unserer Existenz. Aber Jesus trat in unsere Welt durch die Hl. Jungfrau Maria, durch die Menschwerdung, ein. Also unterstreicht der Ausdruck „Er trat ein“ noch einmal seine ewige Existenz durch seine Gottheit und dass Er in unsere Welt lediglich eintrat. Die Bibel verwendet zudem den Ausdruck, dass Jesus die Welt bei seiner Himmelfahrt „verließ“. Die Begriffe „Verlassen“ oder “Ausgang” haben wir übernommen und verwenden sie statt dem Ausdruck „Tod“. Wir treten aus der Welt aus, verlassen dieses „Gefängnis“ und freuen uns auf das ewige Leben. Deswegen sind wir auch nicht traurig, wenn wir heimgehen, denn es ist etwas Schönes für uns.

 

All diese Begriffe versuchen das Geheimnis der Menschwerdung besser zu beschreiben. Es ist ein Geheimnis, das unseren begrenzten Verstand übersteigt. Hier wird auch die Rolle der Hl. Jungfrau Maria verdeutlicht. Sie nimmt am Geheimnis der Menschwerdung teil und hat eine wichtige Rolle darin: Jesus Christus hat Fleisch und Blut, also unsere menschliche Natur, vom Bauch der Jungfrau Maria angenommen. Wie ist es möglich, dass Er unsere Natur angenommen hat? Er hat sie von einem Menschen angenommen, deswegen ist die Hl. Jungfrau Maria auch der „Ruhm unseres Geschlechts“. So hat sich Seine Gottheit mit Fleisch und Blut verbunden und es kam Jesus Christus, der Menschgewordene Gott. Er hat nicht aufgehört Gott zu sein, aber Er wurde zum Menschensohn und weil Er der einzig wahre Gott ist, ist Er gekommen und hat uns erlöst.

 

Nun kommt die wichtige Frage: Warum das alles? Warum war das notwendig? Warum ist die Menschwerdung für unseren christlichen Glauben so wichtig? Die vermutlich wichtigste Tatsache von Jesus Christus ist: Er ist nicht nur Gott, und auch nicht nur Mensch, sondern beides - Jesus ist der Menschgewordene Gott. Er ist das Wort Gottes, das Fleisch annahm; Er ist der einzige Sohn Gottes, der Fleisch annahm.

 

Sowie uns die Bibel und die Kirche „Du bist gekommen und hast uns erlöst“ beigebracht hat, ist der erste und sogleich wichtigste Grund der Menschwerdung:

 

  1. Unsere Erlösung: Jesus Christus kam, um für uns zu sterben und uns die Erlösung zu schenken. Die Erlösung von der Korruption, die Erlösung vom Tod und die Erlösung vom Teufel. Wir beten in der Hl. Messe vom Hl. Basilius: „Der Tod, der durch den Neid des Satans in die Welt kam, hast du zerstört durch die lebensspendende Erscheinung deines einzigen Sohnes, unseres Herrn, Gottes und Erlösers Jesus Christus.“ Er zerstörte also den Tod durch Seine Menschwerdung. Die Vorstellung der „Versöhnung“ hilft auch dabei, die Menschwerdung besser zu verstehen. Sein Herabsteigen vom Himmel [Er ist ein Wesen mit dem Vater, von derselben göttlichen Natur und Er wurde eins mit unserer menschlichen Natur] versöhnte Gott mit den Menschen, versöhnte Himmel und Erde und vollendete diese Versöhnung mit dem Vergießen Seines Blutes am Kreuze. Die Versöhnung ist somit der natürliche Ursprung der Erlösung: wir wurden dadurch mit Gott versöhnt. Zuvor stellte die Sünde eine große Barriere zwischen uns und Gott dar. Durch Seine Menschwerdung, Sein Sterben am Kreuz und Seine Auferstehung brach Er diese Barriere und versöhnte die himmlischen Wesen mit den Irdischen. Jesus ist also gekommen, um uns zu erlösen. Jesus selbst sagte: „Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen.“ (Joh 12:27). Es ist also sehr eindeutig, dass Er gekommen ist, um am Kreuz zu sterben und uns dadurch zu erlösen. Obwohl das der wichtigste Grund für die Menschwerdung Gottes ist, lehrte uns der Hl. Athanasius der Große, dass es noch weitere Gründe dafür gibt. Jesus lebte nämlich als Mensch auf der Erde: durch Sein Leben, Seine Arbeit, Sein Essen, Trinken und Schlafen heiligte Er das menschliche Leben. Deshalb lautet der nächste Grund auch:

 

  1. Um uns zu lehren, wie wir als gute Menschen leben sollen. Tatsächlich zeigt uns das Gesetz im Alten Testament, wie die Menschen Gott wohlgefallen können, jedoch konnte dies laut dem Alten Testament niemand einhalten. Wir Menschen wissen nicht, wie wir das Gute tun können. Wir schaffen es nicht, den Willen Gottes zu erfüllen. Deswegen kam Jesus Christus durch Seine Menschwerdung, um uns zu zeigen, wie das vollkommene, perfekte Leben aussehen soll. Einer Seiner vielen Titel ist „der Lehrer“ und er nahm diesen Titel auch an, weil Er uns lehrte, wie wir leben sollen. Jesus Christus ist also gekommen, um uns zu erlösen und um uns zu lehren. Wenn du wissen willst, wie du deine Feinde lieben sollst, schau dir an wie Jesus das getan hat. Wenn du dich fragst, wie du beten sollst, nimm dir ein Beispiel an Jesus. Wenn du nicht weißt, wie du fasten sollst, Jesus hat es uns gezeigt. Sollst du die Menschen verurteilen oder nicht, schau dir an, was Jesus dazu sagt. Jesus hat auch viele Schmerzen erlitten; wenn du ebenfalls Schmerzen erleidest, schau dir bei Jesus ab, wie du mit dieser Situation umgehen sollst und Er wird dir dabei helfen. Jesus Christus, der uns in Allem ähnelte, der an allem (im menschlichen Leben) teilnahm - außer der Sünde natürlich! - wurde zum perfekten Vorbild für die Menschheit. Wenn uns Gott das Richtige nicht vorgezeigt hätte, wie hätten wir sonst gewusst, wie das zu schaffen ist? Wie hätten wir Ihn nachahmen können, wenn wir Ihn nicht gesehen hätten? Ein Vergleich zur Veranschaulichung: Wenn du jemandem das Autofahren beibringen möchtest, erklärst du ihm zuerst alles theoretisch und mit bildlicher Darstellung. Wenn er schließlich zum ersten Mal auf dem Fahrersitz sitzt und du ihm sagst, er solle losfahren, würde er vermutlich einen Unfall bauen, weil er noch nie gefahren ist und es noch nicht kann. Die bessere Strategie wäre, wenn du ihn neben dich setzt, ihm zuerst vormachst, wie es funktioniert und ihm sagst, er soll gut aufpassen, weil Er danach an deiner Stelle sitzen wird, um es genauso zu machen. Also muss der Große/Erfahrene zuerst alles vormachen und der Kleine (das sind wir Menschen) ahmt ihn nach, so wie der Hl. Paulus schrieb: „damit dieser der Erstgeborene von vielen Brüdern sei.“ (Röm 8:29). Jesus sagt uns: Kommt und folgt Mir nach! Das bedeutet, dass alles, was Er macht, sollen auch wir machen. Alles was Er uns sagt, das macht Er und alles was Er macht, sollen auch wir so machen - denn dann holt Er uns zu Ihm in den Himmel. Wir sollen Seine Schafe sein, die Ihm nachfolgen und nur auf Seine Stimme hören, nicht auf eine fremde Stimme. „Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen,“ (Joh 10:4-5). Die Menschwerdung war demnach notwendig, nicht nur, weil wir die Erlösung brauchen, sondern auch, weil wir lernen mussten, wie wir leben sollen, wie unser Tag aussehen soll und wie wir das Richtige tun können. Natürlich wird uns Gott auch helfen und vergeben, wenn wir fallen und sündigen, aber das wichtigste dabei ist, dass wir unsere Augen immer auf Ihn gerichtet lassen.

 

  1. Unser Bedürfnis, Gott zu sehen. Gott ist ein verzehrendes Feuer für unser menschliches Wesen, Er ist unbegrenzt, unsichtbar und niemand hat jemals Gott den Vater gesehen. Und solange ich Gott nicht sehe, kann ich Ihn mir auch nicht vorstellen. Obwohl uns die Bibel über Gott erzählt und die Propheten im Alten Testament über Gott berichten, war das Bild für uns immer noch verschwommen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die sich Gott als unbarmherzig vorstellen oder glauben, Er kümmert sich nicht um die Menschen. Wie könnten wir Ihn denn nun gut kennenlernen? Wir werden Ihn nur kennenlernen können, wenn wir Ihn sehen, mit Ihm sprechen, Ihn hören und Ihn berühren - wenn unsere Begegnung von Angesicht zu Angesicht ist. Dann können wir wirklich sagen, dass wir Gott gut kennen. Gott wusste, dass die Menschen das brauchen und hat uns dieses Bedürfnis erfüllt. Deshalb ist Jesus durch seine Menschwerdung gekommen, damit Er den Menschen, die nach Gott fragen, sagen kann: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ (Joh 14:9). Davor sagte Er: „Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus?“ (Joh 14:9). Er nahm Fleisch an und wurde Mensch, damit wir Ihn auch kennen. Vor der Menschwerdung Christi war unser Wissen über Gott mangelhaft; es war ein ungenaues Wissen, weil das Bild nicht klar erkennbar war. Sogar bei den Propheten war das Bild von Gott nicht vollständig, denn es heißt: „Viele Propheten und Gerechte sehnten sich zu sehen, was ihr seht und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ Im Neuen Testament haben wir durch Seine Menschwerdung Gott gesehen und gehört. Wir im Neuen Testament bezeugen und sagen: Wir haben Gott gesehen und gehört! Wie? Gott ist nämlich Mensch geworden, hat unter uns Menschen gelebt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen. Ohne die Menschwerdung Christi wäre das nicht möglich gewesen. Selbst wenn ich in allen Büchern über Ihn lesen würde, hätte ich trotzdem die Sehnsucht danach Ihn zu sehen und würde Ihn bitten meine Augen zu öffnen, damit ich Ihn sehen kann. Tatsächlich sehe ich Ihn in der Natur, die Er mit eigenen Händen erschaffen hat, und ich sehe Ihn in Seinen Worten in der Heiligen Schrift, aber ich will Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen. Daraus ergab sich die Notwendigkeit, dass wir Gott sehen müssen, um Ihn zu kennen.

 

  1. Um uns zu heilen: Die erste Predigt von Jesus finden wir im Lukasevangelium Kapitel vier, wo Er in seiner Heimat, in Nazaret, am Sabbat in die Synagoge ging. Sie reichten Ihm das Buch des Propheten Jesaja und Er las folgende Stelle vor: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe.“ (Lk 4:18-19). Dann sagte Jesus zu ihnen: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4:21). Sie waren sehr darüber erstaunt. Jetzt könnten wir uns fragen: Warum hat Jesus so viele Wunder vollbracht? War das Teil seiner Botschaft? Das ist bestimmt ein Teil seiner Botschaft gewesen. Natürlich ist Er gekommen, um uns von der Korruption, der Sünde und dem Tod zu erlösen, damit wir in den Himmel kommen. Aber Er hat auch unsere Schmerzen und Leiden getragen. Das bedeutet, Er hat nicht nur das letztendliche Urteil des ewigen Todes beseitigt, sondern Er hat auch den Geschmack des Lebens verändert. Er hat uns nämlich erlaubt, Ihm unsere Krankheiten und Leiden zu geben, damit Er diese heilt. Wir übergeben Ihm unsere Trauer und sie verlässt uns. Der Mensch, der tatsächlich ein Leben mit Gott genießt, vergisst seine Leiden und freut sich in der Not, weil er über seine körperlichen Beschwerden hinwegsehen kann. Er könnte durch ein Wunder geheilt werden und wenn nicht, dann geschieht ein anderes Wunder: nämlich, dass er glücklich in der Not bleibt. All das ist nur durch Jesus Christus möglich. Wenn Jesus nicht gekommen wäre, dann wäre das Leben sehr bitter gewesen. Jesus ist gekommen, hat uns geheilt und heilt uns immer noch: von unseren seelischen sowie körperlichen Leiden.

 

  1. Um uns zu heiligen: Er ist gekommen, weil unsere Natur durch den Fall der Sünde verschmutzt wurde. Das ist nicht der Mensch, den Gott will. Das ist nicht der Mensch, den Er erschaffen hat, aber Er ist für die Menschen verantwortlich und will sie zum alten Bild, welches Er für sie geplant hatte, zurückführen. Wie soll das funktionieren, wenn wir alle voller Sünden sind? Indem Er uns das Seine gibt: Er ist gekommen, um uns seinen Heiligen Geist zu geben, damit Er uns heiligt. Er gibt uns seinen heiligen Leib, um uns zu heiligen. Er gibt uns sein heiliges Blut, um uns zu heiligen. Er gibt uns seine heiligen Worte und Lehren, um uns zu heiligen. Dieses „heilig werden“ war für uns etwas Unrealistisches und weit entferntes - Wer sind wir damit wir Heilige werden? Wir sind verschmutzt durch unsere Sünden. Aber jetzt können wir uns durch Ihn heiligen. Jesus Christus, der Heilige Gott, nahm durch die Menschwerdung das Unsere und gab uns das Seine: Durch seinen Heiligen Geist, seinen heiligen Leib und sein kostbares Blut machte Er uns heilig. Er kam also auch, um uns zu heiligen, damit wir Heilige werden.

 

Jesus Christus ist durch die Menschwerdung gekommen, um uns zu erlösen, um uns zu lehren, damit wir ihn sehen und kennenlernen, um uns zu heilen und um uns zu heiligen.

Alle Begriffe in der Bibel für die Menschwerdung (Er ist geboren, gekommen, erschienen, herabgestiegen, Er hat teilgenommen, uns erleuchtet, Er trat ein, Er nahm) dienen zur genaueren Beschreibung dieses großen Geheimnisses.hqdefault