Eine Predigt von S.E. Bischof Anba Makary, El Makari (ehemaliger Bischof von Sinai)

 

Das spirituelle Gesetz

 

Durch die Gnade unseres Herrn, Jesus Christus, werde ich heute mit euch über ein schönes, einfaches und bekanntes Thema sprechen. Auch wenn das, was ich sage, für die meisten Menschen bekannt ist, ist es dennoch wichtig, euch daran zu erinnern und mit euch darüber zu sprechen.

 

Der Mensch muss nach einem spirituellen Gesetz leben, dem er alle Tage seines Lebens folgt. Die Natur selbst lehrt uns dies. Wir wissen, dass beispielsweise die Sonne einem (Natur-)Gesetz unterliegt. Es gibt eine bestimmte Zeit, in der sie aufgeht, sich bewegt und von Osten nach Westen zieht. Abhängig davon, wie weit die Sonne von der Erde entfernt liegt, gibt es verschiedene Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ebenso gibt es in der Ernte bestimmte Regelmäßigkeiten (Gesetze): es gibt eine bestimmte Zeit, in der man die Samen einpflanzt. In der Wachstumsphase werden die Samen gegossen, damit sie wachsen. Dann kommt die Blühphase, in der die Samen aufblühen und dadurch Früchte entstehen. Die Früchte brauchen eine gewisse Zeit bis sie ausreifen, vollkommen wachsen können, ihren Geschmack bekommen und irgendwann ihren Zyklus wieder beenden. Dies ist lediglich eines von vielen Beispielen. Alles in der Natur unterliegt einem natürlichen Gesetz. So wie im Psalm geschrieben steht: „Dein ist der Tag, dein auch die Nacht, / hingestellt hast du Sonne und Mond. Du hast die Grenzen der Erde festgesetzt,“ (Ps 74:16-17). Alles was Gott erschuf, unterliegt einem Gesetz, welches auch befolgt wird. In sechs Tagen haben wir den 16.Kiahk, was dem 25.Dezember entspricht, also die Geburt Jesu Christi in den westlichen Nationen. Der kürzeste Tag im Jahr ist der 15.Kiahk, also der 24.Dezember, und ab dem 16.Kiahk beginnt der Tag wieder länger zu werden. Von Tag zu Tag wird der Tag ein bisschen länger, aber es geschehen nur minimale Veränderungen, manchmal nicht einmal eine Minute. Der Tag wird immer länger, bis hin zum Sommer, wo er ungefähr 14 Stunden andauert und die Nacht 10 Stunden. Dann beginnt der Tag kürzer zu werden, bis der Tag und die Nacht ungefähr gleich lang sind - der Tag 12 Stunden und die Nacht 12 Stunden. Danach beginnt der Tag immer kürzer zu werden, bis zum 15.Kiahk, an dem der Tag am kürzesten ist und die Nacht am längsten. Dann fängt der Zyklus wieder von Anfang an. Die Natur lehrt uns also, dass es eine Ordnung, eine Reihenfolge und ein Gesetz gibt, welches Gott dafür festgelegt hat. Selbst die tierische Welt unterliegt gewissen Gesetzen.

 

Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, also sollte er ebenfalls eine Ordnung haben. Die Hl. Schrift lehrt uns, dass unser Gott ein Gott der Ordnung und nicht des Durcheinanders ist. Selbst in den alltäglichen (nicht spirituellen) Angelegenheiten ist das notwendig. Wenn der Mensch keine Ordnung in seinem Leben schafft, ist sein Leben ein Durcheinander ohne Freude. Er könnte auch krank werden oder frühzeitig sterben. Es muss eine Ordnung geben, die er befolgt. Zum Beispiel, wenn jemand sehr viel isst, wird seine Gesundheit darunter leiden. Und wenn jemand sehr wenig isst, wird er ebenso seine Gesundheit schaden. Sogar die Luft, die wir einatmen, hat eine spezielle Zusammensetzung. Wenn eines dieser Stoffe beachtlich steigt, kann unser Leben auf dieser Erde zugrunde gehen. Das Gesetz, welches unser spirituelles Leben bestimmen soll, müssen wir Tag für Tag ausüben. Der dritte Psalm im Gebet der sechsten Stunde besagt: „Dann will ich allzeit deinem Namen singen und spielen und Tag für Tag meine Gelübde erfüllen.“ (Ps 61:9). Dieses Gesetz ist wie eine Vereinbarung zwischen dem Menschen und Gott. Der Mensch darf die Erfüllung seiner Vereinbarung nicht vernachlässigen. Ich will euch nun einige Punkte nennen, nach denen wir leben sollten, vor allem deshalb, weil wir uns am Ende des Jahres befinden und bald ein neues Jahr beginnen. Möge Gott uns helfen und Kraft geben, wenn er unsere Gebete und Mühen sieht, damit wir das neue Jahr mit mehr Ordnung und nach dem spirituellen Gesetz leben.

 

Der wohl wichtigste Punkt im spirituellen Leben eines Menschen ist sein regelmäßiges Gebet. Das Beten ist die wichtigste Aktivität, die der Mensch auf der Erde machen kann. Am Ende seines Lebens, wenn seine ganzen Jahre auf der Erde gezählt sind, bleiben ihm nur diese heiligen Momente. Und die meisten heiligen Momente sind Momente des Gebets. Natürlich gibt es im Leben des Menschen auch andere, nicht-spirituelle Zeiten, die notwendig sind. So wie das soziale Umfeld, die Arbeit, die Aufgaben, die Verantwortungen, etc. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass all diese Sachen ein Ende haben und dass der Mensch nichts in die Ewigkeit mitnimmt, außer die spirituellen Tätigkeiten, die er gelebt hat. Wie sehr ein Mensch eine echte und starke Beziehung mit Gott auf Erden aufgebaut hat, so groß wird auch sein Anteil am Himmel mit Gott sein. Das Gebet ist nämlich die Verbindung zwischen dem Menschen und Gott. Es ist deine persönliche Verbindung zu Gott. Jedes Rufen an Gott ist ein Gebet, aber nicht jedes Gebet ist ein Rufen an Gott. Was meine ich damit? Wenn jemand betet und die Worte einfach nur wiederholt ohne sie zu verstehen, ohne dass sie von Herzen kommen, ohne dass er mit seinen Gedanken dabei ist, ohne sie in seinem Leben zu verwirklichen und mit ihnen zu leben. Es ist einfach zur Wortwiederholung geworden, die eine längere Zeit andauern könnte, aber ohne einen Nutzen zu ziehen. Wir haben hierzu das Beispiel des Zöllners (und dem Pharisäer), das uns unser Herr Jesus Christus im Evangelium nach Lukas erzählte. Als der Zöllner das Haus Gottes betrat, um zu beten, stand er hinten und wagte es nicht, sein Angesicht zum Himmel zu erheben, und klopfte auf seine Brust und sprach: „O Gott, sei mir Sünder gnädig!“ (Lk 18:13). Ein Ausdruck, der aus nur wenigen Worten besteht. Unser Herr sagte uns, dass dieser Mann gerechtfertigt in sein Haus ging, mit diesem kurzen Gebet. Wir wissen also, dass diese Worte aus seinem Herzen kamen, und bewusst, mit Verständnis, mit spirituellen Gefühlen, mit Gefühlen der Reue und einem demütigen Herz gebetet wurden. Deshalb nahm Gott sie auch an. Es war nicht notwendig für diesen Zöllner, dass er viel sagt. Das bedeutet aber nicht, dass lange Gebete nicht erwünscht sind. Im Gegenteil, die langen Gebete sind sehr wohl wichtig. Aber es ist unsere Aufgabe, dass wir uns mehr auf die Ehrlichkeit als auf die Länge des Gebetes konzentrieren. Das lange Gebet ist gut, denn es bringt dem Menschen bei, seine Gedanken, sein Herz, seine Sinne und sein ganzes Wesen in Gott zu vertiefen. Damit er sich daran gewöhnt, seine Gedanken zu sammeln und seine ganze Aufmerksamkeit auf Gott zu richten. Die langen Gebete sind also notwendig und essentiell. Das Wichtigere ist jedoch die Tiefe und die Ehrlichkeit des Gebetes. Regelmäßig vor Gott zu stehen ist ein Bedürfnis, so wie der Prophet Elia sprach: „So wahr der Herr lebt, der Gott Israels, vor dessen Angesicht ich stehe,“ (1.Kön 17:1). Und das sagte er nicht nur im Gebet, sondern auch beim Umgang mit anderen. Diesen Ausdruck in 1.Könige sagte er nämlich, als er mit Ahab redete. Vor wem stehst du, Elia - vor Gott oder vor Ahab? Da würde er vermutlich sagen: „Ich stehe vor Gott, noch bevor ich vor Ahab stehe.“ Im Psalm steht: „Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.“ (Ps 16:8).

 

Wir haben die Chance, eine Verbindung und Beziehung zu Gott aufzubauen, und dabei unser Herz, unsere Gedanken und unser ganzes Dasein Gott jederzeit darbieten. Jeder von uns nach seinem Streben, seiner Anstrengung, seiner Treue und seinen Umständen entsprechend. Das allgemeingültige Gesetz des Betens ist, so wie der Weise sagte, den ganzen Tag in Gottes Ehrfurcht zu sein. Zusätzlich dazu benötigen wir aber auch festgesetzte Zeiten, die für das Gebet bestimmt sind. Was bedeutet das aber, den ganzen Tag eine Verbindung zu Gott aufrechtzuerhalten? Wenn mir jemand zum Beispiel eine Frage stellt und ich nicht weiß, wie ich darauf antworten soll; ich könnte etwas Falsches sagen, ihn falsch beraten oder ihm etwas sagen, das ihn traurig macht, obwohl das nicht nötig ist, oder ich tue etwas, was nicht dem Willen Gottes entspricht. Daher ist es meine Aufgabe, zuerst mein Herz zu erheben, bevor ich eine Antwort gebe. Oder bevor ich irgendwo hingehe, sollte ich beten und Gott bitten: „Bitte bleibe mit mir auf meinem Weg, wenn es dein Wille ist, dass ich dorthin gehe. Und wenn es nicht dein Wille ist, dann lass mich nicht dorthin gehen.“ Es kann nämlich sein, dass es nicht der richtige Zeitpunkt dafür ist und etwas anderes passieren sollte, als das, was du vorhast. Der Hl. Paulus sagte im Buch der Apostelgeschichte Folgendes: „Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir.“ (Apg 17:28). Also selbst unsere Bewegung sollte eine Bewegung nach dem Willen Gottes sein. Durch Ihn sind wir lebendig und bewegen uns. Im Umgang mit anderen, in Diskussionen, in seinem Verhalten und in den Aufgaben des Lebens sollte der Mensch immer sein Herz zu Gott erheben und Gott ständig anrufen, um von Ihm Gnade für sein Verhalten, sein Reden oder seinen Umgang zu erbitten.

 

Aber gleichzeitig benötigen wir auch Zeiten, die für das Gebet festgelegt sind. Ein Beispiel dafür wäre der Prophet Daniel. Nachdem Nebukadnezar die Statue aus Gold errichten ließ und das Gesetz einführte, dass niemand jemanden anderen außer Nebukadnezar anbeten darf, öffnete er wie gewohnt sein Fenster und betete zu Gott dreimal am Tag, kniete sich vor Ihm nieder und dankte Ihm. Und das dreimal am Tag. Das beten wir auch in den Abschnitten des Gebetes der sechsten Stunde: „wende dich mir zu und erhöre mich, am Abend, am Morgen und am Mittag.“ Am Morgen ist das Gebet der ersten Stunde, das Morgengebet, welches ganz früh, ungefähr um sechs Uhr morgens, dargebracht wird. Jeder sollte also seine Zeiten haben, in denen er vor Gott steht - bestimmte Zeiten für das Beten, zumindest dreimal am Tag. Wenn jemand wegen seiner Arbeit mitten am Tag nicht kann, könnte er vielleicht zehn Minuten (mehr oder weniger, je nachdem, wie seine Umstände sind) in seiner Pause für Gott einplanen. Wenn du das nicht schaffst, obwohl es weder schwer noch unmöglich ist, dann konzentriere dich auf den Beginn des Tages. Und ich sage jetzt nicht am Ende des Tages, denn am Ende des Tages ist jeder müde, erschöpft, hungrig und nicht in der Lage, Gott ein gutes Opfer des Gebetes darzubringen. Deswegen ist die wohl beste Zeit, mit Gott in Verbindung zu treten, der Beginn des Tages. Der Beginn des Tages bedeutet aber nicht, dass ich einfach irgendwann aufstehe und dann bete. Auch wenn du müde bist, ist es deine Aufgabe, früh aufzustehen, um zu beten. Nach dem Beten kannst du wieder schlafen, um dich auszuruhen. „und wer mich sucht, der wird mich finden.“ (Spr 8:17). Erinnern wir uns an das Manna, mit dem Gott das Volk Israel 40 Jahre lang in der Wüste Sinai versorgte. Sie sind früh am Morgen aufgestanden, um es zu holen und einzusammeln. Diejenigen, die später als die anderen kamen, um es zu holen, fanden es nicht mehr gut aufgrund der Sonne und konnten es nicht mehr essen. Das ist eine Lehre und ein Symbol für uns. Die spirituelle Nahrung muss früh am Morgen eingesammelt werden. Warum so früh? In der Früh, wenn du gerade erst aufgestanden bist, sind deine Gedanken noch gelassen und ruhig. Es schwirren noch keine Gedanken in deinem Verstand herum, dein Körper ist vom Schlaf ausgeruht, deine Umgebung rundherum ist ruhig, es gibt keine lauten Geräusche, sondern nichts als Ruhe. Sogar die Umwelt und die Luft ist noch sehr rein und frisch. Deshalb ist dies eine sehr angenehme Zeit für das Beten. Ich spreche jetzt nicht über die Heiligen, die die ganze Nacht mit dem Beten verbracht haben oder mitten in der Nacht aufgestanden sind, um zu beten. Damit ihr mir nicht sagen könnt, ich rede über Sachen, die nicht zu Menschen passen, die in der Welt leben und ihre Verantwortungen im Leben haben. Ich sage dir nur, dass es notwendig und dringend ist, dass du frühmorgens betest. Du könntest nun sagen: Ich gehe aber spät schlafen! Dann bemühe dich darum, früh schlafen zu gehen. Bete deine Gebete und streng dich an, früh schlafen zu gehen. Damit du aber früh schlafen gehen kannst, musst du auch früh zu Abend essen. Und wenn du ausnahmsweise einmal die Regel brichst und lange aufgeblieben bist, dann vernachlässige dein frühes Gebet trotzdem nicht. Zu Beginn des Tages nehmen wir eine spirituelle Stärkung zu uns, die uns den ganzen Tag in unserer Verhaltensweise hilft. Wenn jemand in die Arbeit geht, ohne davor zuhause zu frühstücken, kann er das noch in der Arbeit nachholen und sich etwas zu Essen besorgen. Aber wenn du dein Haus verlässt, ohne zu beten, wirst du es nicht nachholen können. Also am Morgen wird das Morgengebet und am Abend das Nachtgebet gebetet. Wir müssen jedoch nicht warten bis es wirklich Nacht wird. Wenn jemand von der Arbeit kommt, etwas isst (wenn er nicht die Möglichkeit hatte, tagsüber zu beten, betet er zuerst die neunte Stunde, auch wenn nur verkürzt, und dann isst er) sich ein bisschen ausruht und vielleicht noch etwas trinkt, wenn er will. Danach steht er, satt und ausgeruht, auf und betet sein Abendgebet. Er soll sich nicht mit Besuchen, Terminen und anderen Gegebenheiten beschäftigen, damit er, wenn die Nacht anbricht, nicht müde, erschöpft und gähnend vor Gott steht und dann meint, er hätte keine Zeit gehabt. Wir müssen Gott die Erstlingsfrucht geben. Wenn damals jemand ein Opfer mit einem Makel dargebracht hat, sagten sie: „Was ist dabei wenn wir Gott ein krankes Schaf darbringen? Gott isst es doch nicht, sondern es wird im Feuer verbrannt. Was ist der Unterschied zwischen einem gesunden und einem kranken Schaf?“ Das ist eine Lehre und ein Symbol dafür, dass der Lobpreis, der Dienst, das Beten oder die Opfergaben, die wir Gott darbringen, ohne Makel sein müssen. Wir sollen die beste Zeit und das Beste von unserer Kraft Gott darbringen und widmen. Wir sollen also nicht beten wenn wir hungrig, erschöpft und müde sind, sondern in unserer besten Verfassung. Das sind also die Zeiten am Tag, auf die wir uns konzentrieren und achtgeben sollten.

 

Einige Menschen haben die schlechte Angewohnheit, zu spät zur Messe zu kommen. Warum kommst du nicht früher? Einige sagen: „Ich komme immer nach dem Morgenweihrauch.“ Für wen ist denn der Morgenweihrauch gemacht worden? Warum solltest du nicht auch den Morgenweihrauch beten? Warum sollst du nicht am Gebet der Psalmen in der Kirche teilnehmen? Geh früh in die Kirche. Nimm den Segen des ganzen Gebetes, denn das ist eine heilige Zeit. Das ist die beste Zeit in deinem Leben. Und wenn du in der Messe stehst, verfolge jedes Wort mit. Lass deine Gedanken, deine Aufmerksamkeit und dein Herz mit dem Priester, während er betet. Es bringt sich nichts, wenn ich nicht zuhöre oder nur mit dem Mund dabei bin und hinter ihm her sage. Wenn ich „Oh großer und ewiger Gott“ höre, dann hat das eine Bedeutung. Gott ist groß, in Seiner Liebe, in Seiner Barmherzigkeit, in Seiner Weisheit, in Seiner Geduld mit mir. Er ist ewig - Generationen kommen und gehen, aber er ist ewig und seine Gesetze sind ewig. Er ist unveränderlich. Seine Liebe, Seine Barmherzigkeit und Seine Kraft ist ewig: er der Allmächtige, der Ewige. Er hat den Menschen ohne Makel geschaffen, das bedeutet, dass der Mensch nicht schlecht wird, nicht stirbt, nicht verdirbt. Der Tod, der durch den Neid des Satans in die Welt kam, hast du vernichtet - vernichte den Tod in mir. Ich denke über die Worte nach und meditiere. Ich nehme mit meinem Verstand, meinem Herzen und meinen Gefühle daran teil, nicht nur mit den Ohren. Ich bete also, denke über die Worte nach und so entsteht eine Verbindung zwischen mir und Gott. Es sind also nicht nur Worte, die ich höre und nachsage. Ich bin verblüfft über Ministranten, die das Evangelium ganz schnell lesen. Ich komme gar nicht mehr mit. Ich will es jedoch klar und deutlich hören und verstehen. Ich will mich fragen können: Was bedeutet das „Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“ (Mt 5:6)? Bete bitte in Ruhe, beeile dich nicht dabei, verstehe das, was du sagst, denke darüber nach und lass es von deinem Inneren kommen. Es soll nicht einfach ein Psalm sein, den der Prophet David einst geschrieben hat und den ich jetzt lese. Der Psalm soll in mir reingehen und aus mir rauskommen; es ist nicht bloß ein von David. Daraufhin sagen andere: „Wir haben nicht genug Zeit“. Dann bete nur ein oder zwei Psalmen, anstatt, wie ein Rekorder, 12 Psalmen zu überfliegen, ohne dass du irgendetwas davon mitnimmst. Spielst du Gott etwas vor oder dir selbst? Nein mein Lieber, bete in Ruhe und schmücke die Worte, die du sagst. Sonst passen zu uns die Worte: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ (Mt 15:8). Ist das Gebet einfach nur eine schnelle Angelegenheit? Bei uns im Kloster gab es einen älteren Mönch, der darüber Spaß gemacht und gesagt hat: „Na gut „Vater unser im Himmel, und so weiter“. So auf die Art: „Lies du es Gott, du kennst es ja!“ Nur keine Eile im Gebet. Auch das zu langsame Beten ist nicht optimal. Wenn du zu langsam betest, könntest du dich so in Gedanken verlieren und nicht mehr konzentrieren. Du musst dich und deine Gedanken auf das Gebet richten. Beschleunige also nicht und verlangsame auch nicht zu sehr. Pass während dem Gebet darauf auf. Wenn du etwas sagst, während deine Gedanken woanders sind, dann wiederhole es, mache das Kreuzzeichen oder eine Matanya und konzentriere dich. Verstehe das, was du sagst. Das Gebet ist eine Opfergabe und dieses Opfer müssen wir ohne Makel darbringen: „Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, angesichts der Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber darbringt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer: das sei euer vernünftiger Gottesdienst!“ (Röm 12:1). Euer Gottesdienst ist die Opfergabe. Oder so wie wir in der Messe sagen „Barmherzigkeit des Friedens, Opfer der Lobes“. Die Lobpreisung ist ein Opfer. Der Hl. Paulus sagte dazu: „Ich will nicht nur im Geist beten, sondern auch mit dem Verstand. Ich will nicht nur im Geist Gott preisen, sondern auch mit dem Verstand.“ (1.Kor 14:15).

 

Es gibt neben den bestimmten Gebetszeiten auch andere Gebete, wie zum Beispiel: „Oh Herr, Jesus Christus, erbarme dich meiner. Oh Herr, Jesus Christus, hilf mir. Oh Herr,  Jesus Christus, erhöre mich. Ich preise dich, mein Herr, Jesus Christus.“ Es gibt Gebete, die nicht vorgeschrieben sind und einfach zu der Situation passen. Zum Beispiel bin ich schwach und kann von meinem Bett nicht aufstehen: „Oh Gott, gib mir Kraft. Kräftige mich, oh Hl. Jungfrau, Mutter Gottes.“ So wie die christlichen Lieder (auch Gebete für den Alltag sind): „Ich bin traurig - zu wem soll ich gehen außer zu Dir? Ich bin krank - zu wem soll ich gehen außer zu Dir? Das sind Gebete, die die Menschen, je nach Situation, beten. Wir sollen den ganzen Tag diese kurzen und schnellen Gebete beten. Wenn etwas passiert, sollen wir Gott stets dafür danken. Zum Beispiel halte ich in meiner Hand eine Orange, schäle sie gerade und sage: „Ehre sei dir, oh Gott! Diese orangene Schale hat eine schöne Farbe, sie riecht gut, ist von außen anders als von innen. Wieso hast du diese Schale gemacht? Wieso gibst du mir keine geschälte Orange?“ Sie passt nämlich auf das Innere auf. Dann schäle ich sie und sehe von innen, Reihen von Orangenstücken, so schön angeordnet, und jedes dieser Stücke hat Kerne...

   


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